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Salzachbrücke

Das Alter steht uns Frauen gut!

Meine Damen, er ist Ihnen sicherlich vertraut, der morgendliche Blick in den Spiegel. Graue Haare? Zerknittertes Dekolletee? Augenfalten? Schlaffer Hals? Altersflecken? Wo sind nur die Jahre hin? Nun gut. Dann noch ein Treffen mit einer viel jüngeren Freundin. Ein gemeinsamer Einkauf am Wochenmarkt. Man merkt den plätschernden Ton zwischen ihr und dem Verkäufer. Der Versuch mitzutun scheitert. Und zum ersten Mal spürt man, dass man als Frau nicht (mehr) wahrgenommen wird. Aha. So fühlt sich das also an.

Aus dem Blick
Unweigerlich denkt man an Anti-Aging, was für sich schon ein problematischer Begriff ist und die ganzen Mittelchen, die Jugendlichkeit versprechen. Als könnte man das Älterwerden „wegschmieren“. Liftingserum, Antifaltencreme, Lippen-Booster, Faltenfiller etc. und das alles in Kombination mit euphemistischen Begriffen wie Silver Ager, Best Ager, Golden Ager und wie man Ältere alles nennt. Auf das Alter und die Frauen bezogen gibt das tiefe Einblicke in gesellschaftliche Haltungen.
Helga (69) beschreibt es, als würde sie als Frau nicht mehr wahrgenommen werden und das habe schon früh angefangen, so Ende 40. Ab dem Zeitpunkt als sie beschlossen hatte, zu ihrem grauen Haar zu stehen und sie nicht mehr zu färben. „Es waren nicht die Männer“, die sie auf die grauen Haare angesprochen hätten, „denn diese“, lacht sie, „haben mich als Grauhaarige gar nicht mehr wahrgenommen“. Es seien Frauen gewesen, die sie motivierten, ihr Haar wieder zu färben. Dunkelbraun stehe ihr doch so gut.

Alter als Makel der Frau
Als dürfte man als Frau nicht altern, als würden Frauen ab einem gewissen Alter aus dem Blick verschwinden. Aber was heißt eigentlich „ab einem gewissen Alter“? Die Zeit um den Wechsel, jenseits der Wechseljahre scheint dieses gewisse Alter zu sein und Frauen in die Rolle einer Art Geschlechtslosen zu drängen. Von nun an also ein Neutrum und mit sinkendem Marktwert. Doing Aging bezieht auf dieses gesellschaftlich konstruierte Alter.
Alter widerfährt in diesem Zusammenhang als ein gesellschaftspolitischer, sozialer und vor allem bewertender Prozess. Nur so einfach ist es natürlich nicht, geht es doch auch beim Alter um Fremd- und Selbstwahrnehmung. Frauen und Männer werden nur eben ungleich betrachtet, betrachten sich sogar selber und gegenseitig ungleich. Dabei geht es vor allem um Kränkungen und Abwertungen gegenüber den Frauen. Bei Männern ist das anders. Denken Sie etwa an die fünf Wirtschaftsweisen in Deutschland. Frauen sind deutlich unterrepräsentiert. Oder könnten Sie sich vorstellen, dass eine 80-jährige Frau als Mediator, wie seinerzeit Heiner Geißler, eingesetzt wird? Wohl kaum.
Gelungene Rollenvorbilder für ältere Frauen gibt es bislang wenige. Sie stoßen beruflich, wie gesellschaftlich an die berühmte gläserne Decke. Altersdiskriminierung, Ageism ist dem dann nahe. So verschwinden ältere Frauen langsam von der Bildfläche und werden unsichtbar gemacht und das nicht nur als begehrenswerte, attraktive Frau, sondern vielfach auch was deren Kompetenz betrifft.

Es reicht!
Bascha Mika stellt in ihrem Buch „Mutprobe: Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden“  weitere interessante und provokante Fragen. Wie würde es ankommen, hätte Frau Merkel einen 30 Jahre jüngeren Partner? Welchen Effekt hätte das auf ihre wahrgenommene Kompetenz? Umgekehrte Phänomene gibt es unzählige und für Männer ist es selbstverständlich, Beziehungen mit jüngeren, auch mit viel jüngeren, Frauen zu haben. Oder sie bringt ein Zitat von Nina Hagen: „Frauen werden Männern niemals ebenbürtig sein, solange sie nicht mit Glatze und Bierbauch die Straße runterlaufen können und immer noch denken, sie seien schön“. Simone de Beauvoir wies schon vor rund 40 Jahren darauf hin, dass die Erotisierung der Frau ihnen im Alter zum Nachteil gereicht. Wenn erotische Ausstrahlung, Sex-Appeal, was mit Fertilität verbunden wird, schwinden, drohe Abwertung.
Und dann gibt es da Herta (73). Sie begehrt auf und kleidet sich in bunte Farben, trägt feuerrotes Haar, vermeidet die Farbe Beige. Und wenn sie hört, dass man sagt, dass das Essen die Erotik im Alter sei, wird sie fuchsteufelswild. Denn sie will gut leben und dazu gehört eben nicht nur, wie sie betont, „... gutes Essen, sondern auch Beziehungen, Liebe, Erotik, und dass man als Frau wahrgenommen wird“.
Die wundervolle Dokumentation von Alina Cyranek, „Ein Haufen Liebe“, gibt Einblicke in das Leben von vier Frauen zwischen 71 und 90. Sie sprechen über Liebe, die Sehnsucht danach und über die Wichtigkeit eines wahrnehmenden Gegenübers. Sichtbar werden.

Das Alter steht uns Frauen gut!
Wie dem aber nun entgegentreten. So lange wir uns den gesellschaftlichen oft mehr als fragwürdigen, denn hilfreichen und noch dazu überschaubaren Rollenbildern für Frauen im Alter unterwerfen, droht auch dieses Unsichtbarwerden. Eifern wir allzu sehr einem Jugendkult nach, droht ebenfalls ein Identitätsverlust. Es geht vor allem um eine Erweiterung, eine Ausdifferenzierung des Blickes auf das Alter, auf Begriffe wie Schönheit, Attraktivität, Begehren.
Das Alter erlaubt heute viel mehr Gestaltungsraum als früher und die demographische Entwicklung wird uns dabei noch zu Hilfe kommen. Denn wir ältere Frauen werden immer mehr. Das befreit uns aber nicht davon, selbst Verantwortung zu übernehmen und uns selbst auf den Weg ins Alter als Frau treu zu bleiben. Charisma, Ausstrahlung, Selbstpflege, Selbstbewusstsein, Authentizität sind Schlüsselbegriffe. Mit Stolz und einer Selbstverständlichkeit auf das eigene Alter zu blicken, oder wie eine alte Dame einmal meinte: „Sie haben sich jedes graue Haar verdient“, gibt Kraft, setzt Ressourcen frei und bildet nicht nur einen Kontrapunkt, sondern hilft Rollenbilder, die nicht mehr stimmig sind, zu erweitern.
 
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