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Salzachbrücke

Und das Kaffeeservice soll meine Nichte bekommen

Zugegeben, als ich die Bezeichnung „Death Cleaning“ zum ersten Mal las dachte ich mehr an einen Tatortreiniger, als an eine Form von Downsizing (sich verkleinern) oder Decluttering (entrümpeln), aber weit gefehlt. Margareta Magnusson, selber über 80 und aus Schweden, hat darüber sogar ein trendauslösendes Buch geschrieben „Döstädning“ oder der englische Titel „The Gentle Art of Swedish Death Cleaning“. Aber, was meint dieses Death Cleaning nun eigentlich.
Frau B. (74) ist ständig am Aussortieren. Besucht man sie in ihrer Wohnung, gibt es nichts Unnützes. Darauf angesprochen meint sie, dass sie stets dabei sei, sich „gesund zu schrumpfen“. Sie versuche sich laufend zu reduzieren. Damit werde ihr Leben leichter und ihre Nachkommen hätten nicht so viele Scherereien, wenn sie nicht mehr ist. Vielleicht nüchtern auf’s Erste betrachtet und dann doch so sinnvoll.
Death Cleaning stammt vom schwedischen Wort döstädning ab (dö = death, städning = cleaning) und beschreibt genau diesen Umstand, sich nicht nur von Unnützem zu trennen, sondern das Ganze passiert auch bezugnehmend auf das eigene Lebensende und wirft darüber hinaus einen verantwortungsvollen Blick auf die Zu- und Angehörigen. Es geht darum, Ordnung zu schaffen, bevor man stirbt. Spannend.

Ein kritischer Blick auf die Habseligkeiten
Ehrlich gesagt, wer will wirklich das alte Service von der Großmutter, das man über Jahrzehnte geschont hat? Oder das gute alte Bücherregal, das man sich so hart ersparte? Wer will noch im digitalen Zeitalter Bücher? Ja und dann gibt es auch Dinge, die einem selber wahre Schätze, allerdings für niemand anderen gedacht sind, z.B. Tagebücher, Briefe etc. Aber mal im Ernst. Haben Sie sich je damit auseinandergesetzt, ob Ihre Tagebücher jemand anderer in die Hände bekommen soll? Briefe wirklich wer anderer lesen darf?
Frau R. (75) erzählt etwa, wie es war, als ihr Vater verstarb. Plötzlich war sie als Tochter damit konfrontiert, die Wohnung des Vaters zu räumen. „Es war mir fast unangenehm, die privaten Dinge meines Vaters durchzugehen, da wir keine innige Beziehung hatten. Nicht nur, dass ich nicht so tief in seinem Leben wühlen wollte, so hatte ich auch das Gefühl, dass für mich als Tochter nicht alles bestimmt war.“ Ihr Resümee daraus war, die eigenen Habseligkeiten klar auszusortieren.
Um zu vermeiden, dass etwa Dinge, die einem wichtig, sehr privat sind, niemand anderer sehen/lesen kann, rät Magnusson etwa zu einer Art Wegwerfbox. Ihr Inhalt  soll ungeöffnet nach dem Tod weggeworfen werden.

Was darf bleiben versus was darf weg
Magnusson rät im nächsten Schritt zu einer direkten Auseinandersetzung mit den eigenen Besitztümern. Was soll weitergegeben werden? Was soll bleiben? Was darf gehen und damit wieder vergessen werden? Sie plädiert auch dafür, dass es oft sehr befreiend sei, sich von alten, ungenützten, auch emotional besetzten Dingen zu entledigen, d.h. es muss nicht immer schmerzhaft sein, was zuallererst befürchtet wird. Zumal man ja auch selber nicht nur positive Gefühle und Erinnerungen mit den Dingen assoziiert.
Ganz dringlich und oft auch schmerzhaft wird dieser Umstand, wenn man in ein Seniorenheim übersiedelt. Von einem Haus, einer Wohnung auf einen Raum – eigentlich gar nicht vorstellbar und doch, es geht. Wichtig ist aber auch hier, dass man selbstwirksam bestimmen und entscheiden kann und dass man sich dabei Beistand holt.

Anregung zur Bilanz
Death Cleaning mag zwar grundsätzlich kein wirklich neues Konzept liefern, es erweitert jedoch den Blick auf das eigene Lebensende und darüberhinaus auf die Verantwortung für die sich kümmernden Hinterbliebenen.
Der Kern ist immer wieder die Auseinandersetzung mit den Dingen, mit dem Unwichtigen und dem Wichtigen, betont Magnusson in ihrem Buch. Das helfe Bilanz zu ziehen und diese Bilanz wiederum helfe es, Prioritäten zu setzen.
Was ist wichtig? Was muss unbedingt mit, wenn Sie in ein Heim übersiedeln? Worauf kann man verzichten? Und so kann man vermutlich gar nicht bald genug anfangen Death Cleaning zu betreiben, damit das Leben nicht unnütz durch Dinge belastet wird. Mit zunehmendem Alter wird es vielleicht dringlicher, sich mit dem eigenen Besitz auseinanderzusetzen. Allerdings betont Magnusson, dass man mit Death Cleaning nie zu Ende ist, weil man eben nicht weiß, wann man stirbt.

Weg mit dem, was nicht glücklich macht
Das Leben braucht Freiräume, um gut zu leben, gut gehen zu können. Sicher braucht es auch Zeit und Kraft es anzupacken, aber man sollte sich beides nehmen, denn irgendwann wird es gemacht und dann hat man vielleicht selber nicht mehr die Übersicht darüber. Vielleicht können Freunde oder Familie gute Verbündete dabei sein, denn darüber zu sprechen, ist bei der Umsetzung hilfreich. Und ein paar der Dinge mögen vielleicht sogar den einen oder anderen Besitzer finden. Manchmal kann es auch sehr lustig und befreiend sein, in Erinnerung schwelgend auszusortieren – vielleicht auch ideal mit Enkelkinder. Also, es gibt viele kreative Lösungen, Dinge loszuwerden.
 
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