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Salzachbrücke

Der Kaiserschnitt "boomt"

Mit einer Sectio Caesarea, so die lateinische Bezeichnung für den Kaiserschnitt, können Leben gerettet werden, von Müttern und von Babys. Es gibt verschiedene Arten der Sectio – den geplanten Kaiserschnitt, bei dem der Geburtsvorgang noch nicht begonnen hat, den sekundären Kaiserschnitt, wenn die Geburt bereits eingesetzt hat und den Notkaiserschnitt.
Neben diversen absoluten Indikationen führen relative Indikationen zu den häufigsten Schnittgeburten, genannt seien Steißlage, übergroße Kinder, Mehrlingsschwangerschaften und zahlreiche weitere.

Zeit und Stresssparende Alternative
Dass Kaiserschnittentbindungen in den letzten Jahren so sprunghaft ansteigen, ist medizinisch kaum indiziert. Mit einem „Wunschkaiserschnitt“ lassen sich stundenlange Wehen und unvorhergesehene Ereignisse während einer normalen Geburt vermeiden. Da bietet sich eine kurze Operation mit „Bikinischnitt“ bei meist Kreuzstich-Anästhesie mit kaum sichtbar bleibender Narbe als beruhigend klingende Alternative an. Abgesehen von den nachfolgenden Wundschmerzen. Wobei der „Wunsch“ nicht selten von der Klinik herrührt, wie aus Reportagen hervorgeht (z.B. 3sat, 12. Jänner 2018: „Operieren und kassieren“).

Planbarer Wunschtermin
Kein nervöses Warten: Wann geht es los? Die Wehen haben eingesetzt – noch warten oder gleich ins Krankenhaus oder sofort die Hebamme zur Hausgeburt rufen?
Derlei Unsicherheiten entfallen mit einer geplanten Kaiserschnittentbindung und ein Geburtstermin lässt sich nach Wunschdatum bestimmen. So soll in Köln, der Karnevalshochburg, der 11.11. ein beliebtes Datum sein. Vielleicht geistert auch die Astrologie durch manche Überlegungen rund um Geburtsort und Geburtsminute?
Zeitsparend sowie technisch einfach, so kann der Kaiserschnitt von Hebammen, Medizinern und Krankenkassen betrachtet werden. Man hört, mangels Häufigkeit normaler Entbindungen kämen mittlerweile immer weniger Ärzte und Hebammen mit Vaginalgeburten bei komplizierteren Gegebenheiten zurande. Und über allem schwebe die Angst vor Schadenersatzklagen. So erweist sich die Sectio für viele als probate und rationelle Vorgehensweise.

WHO: Maximal 15 Prozent Kaiserschnitte
Die WHO stuft den Anteil tatsächlich medizinisch notwendiger Schnitte mit etwa zehn Prozent ein. Weltweit sollte laut Gesundheitsorganisation der Anteil der Sectiones 15 Prozent nicht überschreiten. Das gelingt in Europa nur auf Island. Und in den Niederlanden beinahe, mit 17 Prozent. Hingegen führt Italien mit fast 40 Prozent die Liste der EU-Kaiserschnitt-raten an.
Zu den Spitzenreitern weltweit zählen Länder wie Brasilien mit über 55 Prozent und die Türkei, wo jedes zweite Baby durch Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt wird. Obwohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ein ausgewiesener Gegner der Methode ist, liegt der Anteil in türkischen Privatkliniken sogar bei 80 Prozent.

Risiken für Mutter und Kind
Fürs Baby bestehen unmittelbar kaum Risiken durch den Kaiserschnitt. Kaiserschnitt-Babys gelten als besonders hübsch, nicht „gezeichnet“ durch die Mühen der vaginalen Geburt, die ja auch fürs Baby beträchtlich, wenn auch natürlich und vielleicht stärkend sind.
Der Kaiserschnitt gilt als Routineeingriff, Komplikationen sind selten. Trotzdem kann es dazu kommen, wie das bei jeder Operation solcher Größenordnung zu bedenken ist. Nach einem Kaiserschnitt kann bei einer weiteren Schwangerschaft durchaus normal entbunden werden. Was aber nicht immer möglich ist, wie der Fall einer jungen Ärztin zeigt.

Bericht einer dreifachen Kaiserschnitt-Mama
Die Ärztin Dr. Birgit N. hat vor wenigen Wochen ihren dritten Kaiserschnitt erlebt: „Für den ersten Schnitt lag eine absolute Indikation vor, mit Beckenendlage und Placenta Praevia (Fehllage der Placenta). Meine zweite Schwangerschaft: wieder eine Beckenendlage. Theoretisch hätte man sehr schmerzhaft von außen – unter Kaiserschnittbereitschaft – das Kind manuell drehen können. So etwas wird nicht in jedem Krankenhaus durchgeführt und meine Kollegen von der Gynäkologie rieten mir zum Kaiserschnitt.“
Nach bereits zwei Kaiserschnitten wird von einer normalen Entbindung abgesehen, „ein Kaiserschnitt ist dann unabdingbar.“ Das Risiko einer Uterusruptur (Zerreißen der Gebärmutter) wäre zu hoch, gefährlich für Mutter und Kind. So kam auch das dritte Kind als hübsches Kaiserschnitt-Mädchen zur Welt, reif und „gut ausgebacken“ wie die beiden größeren Geschwister.
Was sagt die Ärztin und Mutter zu einem Wunschkaiserschnitt? „Um Geburtsschmerzen zu vermeiden, kann ich so einen Wunsch nicht nachvollziehen. Ich bin froh, dass ich jetzt nach acht Wochen endlich keine Narbenschmerzen mehr habe.“

Spätere Auswirkungen für Mutter und Kind
Narbenschmerzen klingen ab, es kann aber zu Narbenstörungen und Verwachsungen kommen. Manchmal gibt es Probleme mit der psychischen Aufarbeitung einer Sectio. In einer prämierten TV-Doku (Meine Narbe – ein Schnitt ins Leben) berichten Mütter über psychische Auswirkungen ihrer Kaiserschnitt-Entbindungen. Teils fühlten sich die Mütter von Geburtshelfern überrumpelt und vermissen nun schmerzhaft das Erleben der „richtigen“ Geburt ihres Kindes. Dr. Birgit N. vermisste bei der ersten Entbindung ein Minimum an Einfühlungsvermögen: „Die Kleine wurde mir im Vorbeigehen nur kurz gezeigt, das war nicht leicht für mich.“ Das zweite Baby konnte sie wenigstens streicheln und das dritte wurde ihr kurz auf die Brust gelegt, bevor der Bauchschnitt versorgt wurde.
In den letzten Jahren kamen auf Grund aktueller Forschungen zu Darm und zur Bedeutung der Darmflora (Mikrobiota) neue Hinweise und Erkenntnisse hinzu, die Kaiserschnitt-Babys betreffen. Ihnen fehlen wichtige Darmkeime, mit denen Babys bei einer vaginalen Geburt auf dem Weg durch den Geburtskanal versorgt werden: Bakterien der Mutter siedeln sich in Babys Darm an und bilden so die besten Startbedingungen für eine schnellere Entwicklung der eigenen Darmflora und somit auch des Immunsystems (siehe auch: SALZACHbrücke 1/17, Darmbakterien und ihr Einfluss auf Gehirn und Psyche).

Leseprobe aus „Darm mit Charme“
Ich wurde per Kaiserschnitt geboren und konnte nicht gestillt werden. Das macht mich zum perfekten Vorzeigekind der Darmwelt im 21. Jahrhundert. So berichtet die Bestsellerautorin und Ärztin Giulia Enders in ihrem in 40 Ländern erschienenen Buch „Darm mit Charme“ aus eigener Erfahrung und erwähnt Probleme wie ihre Lactoseintoleranz bis hin zu einer mysteriösen Art von Neurodermitis.
Bei Kaiserschnittkindern belegen Studien ein erhöhtes Risiko, später an Allergien und Asthma zu erkranken; auch gibt es Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Kaiserschnitt und Neurodermitis, Diabetes, ADHS, ADS – also Krankheiten, die möglicherweise bei gestörter Darm-Mikrobiota entstehen. Doch kann die Entwicklung der Darmflora von Säuglingen mit speziellen Probiotica unterstützt werden.
 
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