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Salzachbrücke

Praktische „Einkaufswagen“ gestern und heute

„Die Limousine bietet einerseits die Vorteile eines geräumigen, viersitzigen Mittelklassewagens, andererseits hat sie alle guten Eigenschaften eines kompakten, wendigen Kleinwagens.“ So beginnt der Werbeprospekt des Peugeot 104 im Jahre 1978. Das ganze Auto misst wohlgemerkt nicht einmal vier Meter Länge: So kurz sind heute eigentlich nur Kleinstwagen wie Smart oder Toyota iQ. Selbst der VW-Zwerg up! ist einen halben Meter länger.
Dabei galt der 104 bei seiner Premiere vor mehr als vier Jahrzehnten auch bei der Autopresse als durchaus geräumiges Fahrzeug. Dies wirft die Frage nach der Zielgruppe und nach ihren Ansprüchen zur damaligen Zeit auf: Was brauchte man im Jahr 1978? Den „kleinsten Fünftürer der Welt“ natürlich, mit dem es sich unheimlich praktisch einkaufen ließ, weil er dank nicht vorhandener Dämmung innen fast so groß war wie außen.
Und heute? Das Kleinwagenpendant des selben Herstellers heißt 108 und ist sowohl innen als auch außen gewachsen – sogar in der Karosserievariante mit nur drei Türen misst er vergleichsweise stattliche dreieinhalb Meter Länge.

1978 – ein Jahr der Kontraste
In den 70er und 80er Jahren war die Welt noch in Ordnung, zumindest was die Umwelt anging. Es gab kein Waldsterben und keine Umweltverschmutzung – es fehlte nämlich schlicht völlig am Bewusstsein dafür. Der Katalysator war längst nicht erfunden, es galt praktisch jedes Auto mit wenig Benzinverbrauch als „umweltfreundlich“. So auch der 104 mit seinen fünf Litern Normalbenzin auf 100 Kilometer.
Politisch ist 1978 ein spannendes Jahr, in dem China und Japan endlich Frieden schließen, innenpolitisch schlagen die Schleyer-Entführung und die Festnahmen von RAF-Mitgliedern in Deutschland Wellen. In Österreich prägt der Volksentscheid gegen das bereits gebaute Atomkraftwerk Zwentendorf die Schlagzeilen – und natürlich Cordoba: Im Juni gewinnt die österreichische Nationalmannschaft gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland die Fußball-WM mit 3:2.
In das langsame Erwachsenwerden der Flower-Power-Generation hinein gebiert Peugeot einen Kleinwagen, der einen regelrechten Siegeszug durch Europa antritt. Mit seinem putzigen Gesicht und der übersichtlichen Karosserie erobert er im Sturm vor allem die Herzen der Frauen. Mit dem praktischen Wägelchen kauft die moderne Frau die Dinge des täglichen Lebens, quietschbunte Schlaghosen, geblümte Tops und kniehohe Lackstiefel mit Plateausohlen und fährt mit der Freundin auf einen Kaffee.
Gegenüber dem putzigen 104 buhlt der angriffslustig wirkende 108 heute mit dem Slogan „Impress yourself“ um die Käuferschaft, die sicher nicht nur weiblich ist. Das Ziel der Werbebotschaft ist klar: Kauf dir ein Auto, das du selber cool findest. Damit geht der Kleinwagen direkt auf Käuferfang bei der Jugend, die es wohl eher uncool findet, mit protzigen Limousinen oder Sportwägen zu versuchen, andere zu beeindrucken.

Diese Autos sind wie Schokolade
Das Design des 104 lässt sich am einfachsten mit einer Schokoladenwerbung beschreiben: Quadratisch, praktisch, gut. Heute unvorstellbar: In der Basisvariante hatte der kleinste Fünftürer der Welt zwar fünf Türen, aber weder Rückfahrscheinwerfer noch einen zweiten Außenspiegel. Bei späteren Baujahren gab‘s diese Außenausstattungen wenigstens gegen Aufpreis. Trotzdem fand kein 104-Käufer das Auto schlecht ausgestattet – zu Zeiten von Käfer und Co. war dies Normalität.
Lackfarben gab es vor 40 Jahren sieben zur Auswahl, vier Unilacke und drei métallisé: Weiß, Blau, Rot, Schwarz, Grün, Braun und Beige – allesamt mit hübschen französischen Namen wie „Rouge Amarante“, unter denen sich die geneigte Käuferin vermutlich eher ans Schminktäschchen erinnert fühlte als an einen Autolack.
Innen hatte man drei Brauntöne zur Wahl, von eher beige über dunkel bräunlich bis eher orange. Für die 70er Jahre perfekt. Mini-Discokugel an den Innenspiegel und los geht die Fahrt!
Und heute? Die Miniautos buhlen ganz schön um ihre Käuferschaft und haben mit Schokolade ebenfalls gemeinsam, dass es für jeden etwas gibt: Neben üblichen Farben sind zweifarbige Varianten angeboten, oben Grau und unten Weiß beispielsweise. Andersfarbige Außenspiegel und weitere Farbakzente sorgen laut Prospekt für „Individualisierung“. Stehen mehrere 108 am Parkplatz, lässt sich der eigene sofort an den Tattoo- oder Barcode-Akzenten erkennen. „Dieses Motiv im Trend der Zeit verkörpert die Modernität par excellence“, wirbt der Prospekt.
Eine schicke Reifen-Felgen-Kombination oder zumindest hübsche Radkappen sind heute nicht mehr wegzudenken. Wenn es schon ein Mini-Auto sein muss, soll es wenigstens hübsch sein. Der 108 bietet hier mehrere Möglichkeiten in 14 oder 15 Zoll. Beim 104 gab es Dreiloch-Stahlfelgen in 13 Zoll und kleine, glänzend verchromte Radzierkappen. Sonst nichts.

Die Innenräume: Zwei Welten
Erinnern Sie sich an das eigenartige, leicht dumpfe Geräusch, das Loriots fiktiver Gegenstand, der „Familienbenutzer“ machte? Genau so fühlt es sich an, wenn man in den Schaumstoffsitzen des 104 versinkt. Seitenhalt: Pardon? Sitzheizung: Fehlanzeige. Manuelles Verstellen in zwei Richtungen: oui, d’accord.
Dafür: „Bei allen Peugeot-104-Limousinen gibt es auf Wunsch eine umklappbare Rückbank, die durch Zurückklappen das Volumen des Kofferraums verdoppelt.“ Stimmt nicht ganz, denn um den Raum zu vergrößern, muss die Bank nach vorn geklappt werden. Vermutlich ein charmanter Übersetzungsfehler.
Modern ist heute gleichbedeutend mit flexibel. Nicht nur im Design, bei Farben und Zusatz-Stilvarianten, sondern auch im Innenraum. Dank runder Außenformen wird der 108 zwar nie so quadratisch wie ein 104, aber umklappen lässt sich auch hier einiges. Die Sitze bieten Seitenhalt und straffe Polster.
Glücklich, wer im 104 Musik spielen lassen konnte: Serienmäßig gab es kein Radio. Weil Musik in den 70ern aber unverzichtbar war, ließ man sich von der Werkstatt ein Radio mit Einzellautsprecher mittig unters Armaturenbrett nachrüsten. Zwei Drehknöpfe für die Lautstärke und den Sender. Et voilà, schon sangen John Lennon, Joan Baez und Janis Joplin in leicht dumpfem Mono-Klang.
Unfassbar wären heutige Gimmicks für unsere Peugeot-Fahrer vor 40 Jahren gewesen, hätte man ihnen einen modernen 108 gezeigt. Eine eigene Ausstattungslinie zeigt etwa im Innenraum, dass hier ein Musikliebhaber am Steuer sitzt: Farbige Piktogramme von Audioplayern setzen hier optische Akzente.
Freilich bieten auch die kleinsten Modelle unter den modernen Fahrzeugen nicht nur Radio, sondern CD-Player, Navi, Rückfahrkamera, multifunktionalen Touchscreen und so weiter – je nach Ausstattungslinie. Hier ist von feminin-verspielt bis sportlich-maskulin inzwischen alles möglich.

Die Fahrsicherheit – oder auch nicht
Im modernen Kleinwagen serienmäßig oder gegen Aufpreis erhältlich sind Klimaanlage, ABS, elektrohydraulische Lenkunterstützung, eventuell sogar Stabilitätskontrolle, Berganfahrhilfe oder Geschwindigkeitsbegrenzer. Alles Dinge, die die Kleinwagenwelt 1978 weder kannte noch brauchte. Genauso wenig wie Bremskraftverstärker, Servolenkung, Airbags, elektrische Fensterheber – die Liste ließe sich fast bis ins Unendliche verlängern.
Schneller geht‘s aufzuzählen, was es gab: Drei Pedale, Schalthebel, Lenkrad, Gurte mit Ruckdämpfer. Kopfstützen auf Wunsch. Die Ausstattung und Fahreigenschaften beschreibt der 104-Prospekt schlicht und ergreifend mit dem Satz: „Der Autofahrer muss auf nichts verzichten, um sicher, schnell und bequem durch den Verkehr zu kommen.“ Um alle Bedienelemente des Armaturenbretts aufzählend zu erklären, reichen zwölf Positionen, vom Choke bis zum „Luftverteilungsrädchen“.
Das Vierzylinder-Leichtmetallaggregat, um 72 Grad geneigt, findet sich natürlich im 104, der durch diese Anordnung mehr Platz im Inneren hat und laut Peugeot zum „Raumwunder“ wird. Exakt 44,5 PS aus 954 Kubik wuchten das Wägelchen in einer gefühlten Ewigkeit auf 100 km/h, aber so schnell fährt man beim Einkaufen ja ohnehin selten.
In modernen Kleinwagen arbeiten heute meist Dreizylinder, so auch im 108. Für das Auto sind zwei Aggregate mit 68 und 82 PS mehr als ausreichende Beschleuniger. Ihr vergleichsweise hohes Drehmoment aus niedrigen Drehzahlen heraus macht Freude und sorgt für geringen Kraftstoffverbrauch – laut Prospekt unter fünf Litern.
Nachts unterwegs zu sein, muss mit dem 104 nicht sein, denn die Bilux-Funzeln machen irgendwie hell vor dem Auto, mehr aber nicht. Und heute? LED, wohin das Auge blickt, freilich taugt dies nicht nur für Night-Shopping. Und vielleicht setzt noch eine glitzernde Mini-Discokugel am Innenspiegel den kleinen Nostalgie-Akzent.
 
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